Der Fußball und seine Fankultur sind in Israel keine Nische, sondern erfahren viel Beliebtheit und Öffentlichkeit, wie der in Israel geborene Journalist Felix Tamsut jüngst im Rahmen eines Vortrags in Borussias Clubheim aufzeigte. Und so ist es naheliegend, dass sich soziale und politische Kämpfe - ähnlich wie hierzulande - den Weg ins Stadion bahnen, die Gemüter erhitzen und (sportliche) Rivalitäten befeuern.
Seit den Terrorangriffen der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen am 7. Oktober 2023 haben sich bereits vorher bestehende Entwicklungen in der israelischen Bevölkerung und damit auch im Fußball verstärkt und sich neue, tiefere Gräben aufgetan.
Die zahlreichen getöteten, misshandelten und verschleppten Menschen kamen aus weiten Teilen der Bevölkerung und somit auch aus den Fanszenen der meisten Profivereine. Die aufkommende, zwischenzeitlich laute Kritik an der rechtsextremen israelischen Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezog sich laut Tamsut in erster Linie auf den Umgang mit den Geiseln, weniger auf den mit Gaza und den Palästinenser*innen, die auf immer weniger Raum schlecht versorgt einen
Überlebenskampf führen, der durch die andauernden Bombardierungen der IDF oft tödlich endet.
Tamsut stellte dar, wie sich israelische Ultras und andere Fußballfans größtenteils als vermeintlich unpolitisch, teils jedoch als regierungsunterstützend und nur selten als regierungskritisch im Stadion positionieren. Diejenigen, die es täten, sähen sich mit Anfeindungen konfrontiert. Ende vergangenen Jahres etwa, als Ultras des Vereins Hapoel Tel Aviv der Zutritt zum Stadion verwehrt wurde, weil sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ultras Hapoel gegen den Abschaum“ trugen. Darunter drei durchgestrichene Symbole: der Stadtrivale Maccabi Tel Aviv, die (verbotene) rechtsextreme Partei Kach und die Polizei. Letztere geht gegen die kritische Tel
Aviver Hapoel-Fanszene immer wieder mit unverhältnismäßiger Gewalt vor. Der rechtsextreme Minister für innere Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, ist Anhänger vom größten Rivalen, Beitar Jerusalem, der eine ausgeprägte rechtsextreme Fanszene besitzt. Die Fans von Hapoel Tel Aviv sind hingegen eher politisch links zu verorten
und antirassistisch.
Tamsut, der erst kurz vor seinem Vortrag für längere Zeit wieder in Israel weilte, zeichnete das Bild einer durch den 7. Oktober (re)traumatisierten israelischen Bevölkerung, die sich seit Jahrzehnten zunehmend politisch nach rechts bewegt und in der es eine breite Zustimmung für das völkerrechtswidrige Vorgehen in Gaza, dem Westjordanland und jüngst in Iran und Libanon gibt.
Neben weiteren Ausführungen, etwa wie sich der (Profi)Fußball in Israel etablierte
und dass sich die meisten Vereine in Investorenhand befinden, stand Felix Tamsut im Anschluss an seinen Vortrag noch für eine ausführliche Diskussionsrunde zur
Verfügung. In dieser bekräftigte er noch einmal, es als Pflicht anzusehen, über „seine“, die israelische Seite aufzuklären, das Leid auf palästinensischer Seite zu sehenund Dialog zu ermöglichen.
Wir danken Felix Tamsut für den anregenden, informativen Abend bei uns am Bahndamm, der sich in Zukunft gerne wiederholen darf.
Die Veranstaltung wurde im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“
vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
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